Haina(pm). Immer wieder Türen kontrollieren, ständiges Putzen oder die Angst, etwas Gefährliches übersehen zu haben – zwanghafte Gedanken und Handlungen können den Alltag stark beeinträchtigen. Wie sich Zwangsstörungen äußern, woran man sie erkennt und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erklärte Dr. Svenja Kräling, Leitende Psychologin der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina, bei einem Vortrag im Martin-Luther-Haus in Bad Wildungen. Die Veranstaltung war Teil der Reihe „Psyche und Seele“ von Vitos Haina. Zwangsstörungen sind vielfältig. Häufig stehen Ängste vor Schmutz und Krankheiten oder die Befürchtung, durch eigenes Verhalten einen Schaden zu verursachen, im Mittelpunkt. Betroffene vermeiden bestimmte Orte, putzen exzessiv oder kontrollieren Schlösser, Elektrogeräte und Lichtschalter immer wieder. Auch das exakte Ausrichten von Gegenständen oder das Sammeln und Horten können Ausdruck einer Zwangsstörung sein. „Meist dienen diese Handlungen dem Versuch, ein Unglück zu verhindern. Eine wirkliche Entlastung entsteht dadurch aber nicht“, erklärte Svenja Kräling. Eine familiäre Vorbelastung kann das Risiko erhöhen. „Modelllernen spielt eine wichtige Rolle“, so die Psychotherapeutin. Auch ein überkontrollierendes Elternhaus oder
belastende Lebensereignisse wie Trennungen, Erkrankungen oder prägende Ekel-Erfahrungen können eine Rolle bei der Entstehung spielen. Warum es so schwer ist, zwanghafte Gedanken zu unterdrücken, verdeutlichte die Psychotherapeutin mit einem anschaulichen Beispiel: Viele Zuhörerinnen und Zuhörer schafften es nicht, eine Minute lang nicht an einen rosa Elefanten zu denken. „Je mehr wir versuchen, einen Gedanken zu vermeiden, desto wichtiger erscheint er unserer Psyche“, erklärte sie. Ablenkung helfe oft nur kurzfristig – besonders bei persönlich relevanten oder bedrohlichen Inhalten.
Im Unterschied zu Psychosen wissen Menschen mit Zwangsstörungen in der Regel, dass ihre Ängste übertrieben sind. Dennoch gelingt es ihnen nicht, das Verhalten einfach abzustellen. Ein wichtiger erster Schritt in der Therapie ist daher die sogenannte Psychoedukation, also das Verstehen der eigenen Erkrankung. Als wirksamste Behandlung gilt die kognitive Verhaltenstherapie. Medikamente können unterstützend eingesetzt werden, stehen jedoch nicht im Vordergrund. „In den meisten Fällen ist eine ambulante Behandlung im gewohnten Umfeld sinnvoll“, sagte Dr. Kräling – abhängig vom Schweregrad und der individuellen Situation. Zwangsstörungen gelten heute als gut behandelbar. Hilfreich ist es, Angehörige in den Therapieprozess einzubeziehen. Appelle wie „Reiß dich zusammen“ seien jedoch nicht hilfreich, betonte die Psychotherapeutin. Betroffene wüssten selbst, dass ihre Ängste überzogen sind. Unterstützung bestehe vielmehr darin, sie zu ermutigen, professionelle Hilfe anzunehmen. „Heilung ist ein Prozess“, sagte Dr. Svenja Kräling. Informationen und Hilfeangebote finden Betroffene unter anderem auf Curamenta, dem digitalen Gesundheitsportal von Vitos und anderen gemeinnützigen Trägern, unter www.curamenta.de. Selbsthilfegruppen sind über www.selbsthilfe-hessen.net zu finden, weitere Informationen bietet die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen unter www.zwaenge.de. Auch der sozialpsychiatrische Dienst des Landkreises Waldeck-Frankenberg steht als Ansprechpartner zur Verfügung.

